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Ueberschrift
Montag 03.11.2008

Rocky Horror Show

Enthemmte Lust

Keine platte Klamotte: 35 Jahre nach ihrer Uraufführung kommt die „Rocky Horror Show“ als krachendes Rock’n Roll-Spektakel auf die Bühne

Er habe am Anfang überhaupt keine einzige schlechte Kritik bekommen, erzählt der Autor der „Rocky Horror Show“, Richard O’Brien, herzig. Eigentlich sei ihm noch nie jemand begegnet, der die Show nicht leiden könne. Na, sollte sich da nicht etwas machen lassen? Dieses Stück mag 35 Jahre nach seiner Uraufführung Erinnerungen an längst vergangene, natürlich schönere Zeiten und Gefühle von Zuschauern auslösen, seit seiner Erfindung in London ist der Show ja erheblicher Kultfaktor zugewachsen. Aber im deutschen Osten hat das kein Mensch wahrgenommen und nach 1990 ist die Bühnenversion in Berlin nur sehr zögerlich in Erscheinung getreten.

Es gibt also Menschen, die ziemlich nüchtern in so einer Vorstellung auftauchen und den Gedanken, sich im Theater von Nachbarn mit Wasserpistolen nass spritzen zu lassen, schon mal bekloppt finden. Aber hier gehört es dazu, dass der Gewitterregen auf der Bühne auch im Parkett einen Eindruck hinterlassen soll. Überdies könnte ein einseitig an Bühnenkunst interessierter Theaterbesucher das Werfen mit Klopapier, das Klappern mit Holzrasseln und das laute laienhafte Mitsingen und Mitsprechen als störend empfinden. Zumal die Geschichte schon immer etwas arg Spinnertes hatte: Zwei sturzbiedere amerikanische Landeier verirren sich nach einer Autopanne in ein Schloss mit bizarren außerirdischen Transvestiten, die gerade künstlichen Nachwuchs von ihrer Sorte herstellen (Rocky), dabei feiern, morden, eifersüchteln, vögeln und schließlich ins All zurückkehren. O’Brien (Musik und Texte) will darin auch eine Kritik an der Wissenschaft und ihrer Maßlosigkeit sehen, man kann es aber auch ehrlicher bei einer schrägen Hänsel-und-Gretel-Adaption belassen. In jedem Fall muss so ein Stück schon extrem gut gemacht sein, wenn es heute noch beeindrucken will.

Aber was soll man sagen – die „Rocky Horror Show“, wie sie jetzt unter Aufsicht ihres Erfinders am Original entlang neu inszeniert wurde und nun im Admiralspalast läuft - sie ist grandios. Ein rauschhaftes Rock’n Roll-Spektakel: schnell, frech, geil. Es entfaltet seinen Reiz keineswegs nur, weil wild verkleidete Zuschauer in einer stilverlorenen Mischung aus Transen, Punks und Vamps die Texte in Feierlaune mit deklamieren. Sondern im Gegenteil, die Darsteller sind so stark, dass sie selbst das Saalgeschehen von der Bühne aus dirigieren und auf voreilige Sprüche souverän mit erzieherischen Blicken oder kurzen Ermahnungen reagieren: „Warte!“ Selbst ein Klassiker mit so unzerstörbaren Rock’n Roll-Krachern wie „Time Warp“ ist ja auf einer Bühne kein Selbstläufer, im Gegenteil. Gerade weil der Regisseur Sam Buntrock keine platte Klamotte im Sinn hat, sondern akribisch auf jede beleidigte Schnute und jeden giftigen Seitenblick achtet. Funktioniert auch die Verführung zu enthemmter Lust an diesem Abend. Jedenfalls stöhnt das Parkett die Sexszenen innbrünstig mit. Wer erleben will, wie aufkommende Erregung auf einer Bühne funktioniert - hier passiert es mit viel Körperlichkeit.

An diesem Stück stimmt alles – die glamouröse Ausstattung, die energetische Rockband hoch über der Bühne, der Sound, das Licht und ein stimmlich wie tänzerisch triumphales Ensemble wie aus einer anderen Welt. Dabei kommt es nur von der britischen Insel wie ihr überragender Hauptdarsteller Rob Morton Fowler, der den Wissenschaftler Frank’n’Furter spielt, wie er den makellosen Mann im Reagenzglas erschafft. Fowler als machtbesessener eitler blonder Hüne in Mieder, Strapsen und stabilen Pumps, wird für seine lasziv-dämonische Bühnenpräsenz zurecht rasant gefeiert.

Überhaupt reagiert das Publikum zum Schluss wie entfesselt, Richard O’Brien tänzelt beglückt auf die Bühne, mit einem Verriss wird es auch dieses Mal nichts werden. In Berlin kommen viele billig - schrottige Tournee-Produktionen aus dem Unterhaltungsgewerbe vorbei diese ist anders. Sie bleibt drei Wochen hier. Das kann nicht reichen.
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