
Montag, 07. Dezember 2009
Feuilleton
Hairspray
Luftholen, später
Das Musical „Hairspray“ macht alles richtig
Unter Menschen, die Popmusik als die ernstzunehmende Sache ansehen, die sie ist, herrscht selten Einigkeit. Doch auch wenn an darüber streiten mag, ob nun Bushido oder die Band Silbermond einen schädlicheren Einfluss auf die Jugend hat oder ob Kölner Elektronik oder amerikanisches Songwritertum die Welt retten kann – auf eins können sicht die meisten Musikfreunde verständigen: Moderne Musicals sind des Teufels.
Sie sind die biederste und auf den geringsten gemeinsamen Konsens heruntergekochte Kulturform, für die man zu Weihnachten aus lauter Verlegenheit Tickets verschenken kann. Und mancher, der schon gemeinsam mit selig lächelnder Verwandtschaft den singenden Katzen, säuselnden Phantomen oder schmetternden Dampfloks aus Andrew Lloyd Webbers Komponierküche lauschen musste, konnte hier die persönlichen Deutung des Begriffs „Unwohlsein“ neue Facetten hinzufügen.
Aus Kölner Sicht muss vielen von solcher Singtanztheatralik verschreckten Zeitgenossen der hier gelegene Musical Dome provozierender erscheinen als manch Islam - Verängstigten die nachbarschaftliche Moschee: In brüllendem Blau steht das Gebäude direkt neben dem Hauptbahnhof am Rhein und verdirbt mit seinem Polyesterdach seit 1996 die Sicht aufs Stadtpanorama. Doch in ebendieses vielgeschmähte Gruselgeäude muss man seine Schritte lenken, will man ein ausgesprochen gut gemachtes Musical bestaunen: die bereits seit sieben Jahren in London bejubelte, Inszenierung „Hairspray“, basierend auf dem gleichnamigen Film von John Waters.
Baltimore im Jahr 1962. Motown Beat und Bienenkorb-Frisuren dominieren die urbane Szenerie. Die pummelige, aber tanzwütige Tracey Turnblatt möchte in der Talentshow des Fernsehmoderators Corny Collins mitmischen, in der weiße Jugendliche zu schwarzer Musik tanzen. Doch natürlich hat man dort nicht auf das übergewichtige Mädchen gewartet. Tracey verbündet sich mit einer Gruppe Schwarzer, erfährt, was Außenseitertum wirklich bedeutet, und gemeinsam fällt man nach etlichen Widrigkeiten in die Show ein. Es gibt mehrere Gründe, warum „Hairspray“ so gut funktioniert zum einen, weil sich die Ausstattung keine weiteren dümmlichen Haudrauf-Überhöhungen des Früh-Sechziger-Stils leistet und diesen somit verfälscht – alles Pompöse und Überkandidelte fand sich bereits in Water’s Filmvorlage; gleichzeitig schafft es die Inszenierung, wie schon der Film, menschelnde Botschaft und Unterhaltung nie gegeneinander auszuspielen. Es gibt kaum Zeit zum Luftholen. Unentwegt wird in greller Comic-Manier auf die Zauberpauke gehauen, ohne dass dabei die Herzenswärme verlorenginge.
Dann ist da die Musik. Im Gegensatz zum Film, der Originalsongs jener Ära verwendete, liefert hier das Autorenteam Shaiman und Wittman Songmaterial. Doch die Stücke funktionieren. Oder besser: Die brillanten Darsteller lassen diese Songs, vor allem durch ihre Tanzdarbietungen, wie dampfende Sixties-Originale erscheinen. Geradezu neidvoll schaut man dem Treiben zu: Selten hat choreographierter Tanz so gelöst, lustvoll und schweißtreibend ausgesehen.
Coup der deutschen Fassung ist natürlich die Besetzung Traceys Mutter mit Uwe Ochsenknecht, der hier mit viel Wärme und Charme weit über den üblichen Mann-im-Frauenkostüm-Witzchen spielt. Doch es sind die Nebendarsteller (vor allem die großartige Jana Stelley als Penny Pingleton), die dem Stück Tempo und Ton geben. Keine Bange: Man wird durch „Hairspray“ nicht zum gehirngewaschenen Musical-Fan, der fortan auch singende Katzen durchaus diskutabel hält. Aber hier wurde einmal alles richtig gemacht.
ERIC PFEIL






